Wie die Tasten flüstern

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Woche für Woche erreichen mich Kurzgeschichten und Erzählungen von Autoren in den unterschiedlichsten Entwicklungsstadien ihres Schreibens. Anfänger, Fortgeschrittene, Halb-Profis. Einige erhoffen sich die erste Veröffentlichung, andere möchten ihrer schon beträchtlichen Liste eine weitere Veröffentlichung hinzufügen.

Die Arbeit beginnt mit dem Öffnen der Email - und damit stellt sich häufig auch der erste Frust ein:

Der Autor hat seinen Text in die Mail kopiert.

Folgen:

1. Ich muss ein Word-Dokument erstellen = zusätzlicher Zeiteinsatz

2. Je nach vom Absender benutzten Mailprogramm muss ich Sonderzeichen und Umlaute von Hand editieren, weil der Text sonst zur Hälfte aus Kauderwelsch bestünde = zusätzlicher Zeiteinsatz

3. Ich muss das Word-Dokument mit Namen und Email-Adresse des Autors ergänzen = zusätzlicher Zeiteinsatz

Merke: Erleichtern Sie Ihrem Lektor die Arbeit. Senden Sie Ihren Text als Anhang im .doc oder .rtf-Format. Stellen Sie sicher, dass wichtige Angaben wie Name, Anschrift und ggf. Ihre Email-Adresse im Dokument vermerkt sind und fügen Sie, wenn gefordert, auch eine Kurzvita ein!


Dann folgt der erste Blick.

Das Auge isst mit, sagt man. Das gilt auch - und insbesondere - für das Lesen, egal ob am Bildschirm oder auf Papier.
Diesen Allgemeinplatz sollte - nein, muss jeder Autor verinnerlichen. Sowohl der Leser, als auch der "gemeine" Lektor schreckt innerlich zurück, wenn ihm vom Bildschirm/aus einem Buch ein kompakter Textblock entgegen grinst.

Daraus resultiert mein zweiter Tipp:

Absätze und Zeilenumbrüche bringen den Text in eine lesbare Form, entlasten die Augen des Lesers und erhöhen die Bereitschaft, sich mit dem vorliegenden Manuskript auseinanderzusetzen. Verzichten Sie auf "exotische" Schriftarten!


Der zweite Blick.

Auweia, ein Tippfehler schon in den ersten drei Zeilen. Da hat der Autor sich offenbar nicht allzu sorgfältig mit seinem Text beschäftigt. Wenn sich das fortsetzt ...

Äußerste Sorgfalt vor dem Versenden des Skripts! Scheuen Sie sich nicht, die Rechtschreibprüfung Ihres Textverarbeitungsprogramms zu benutzen!


Erst jetzt folgt die eigentliche Textarbeit.

Aber dazu später mehr ...

1 Kommentar 29.3.06 14:12, kommentieren

Am Anfang jeder Textarbeit steht die Prüfung durch den Duden-Korrektor(R), den ich bei meiner Lektoratsarbeit nicht mehr missen möchte. Er weist mich auf Details hin, die ich vielleicht sonst einfach überlesen hätte (insbesondere bei Differenzen zwischen alter und neuer Rechtschreibung, denn ich habe als schreibendes Subjekt deutlich länger mit der alten gearbeitet, da kann es schon mal passieren, dass mir beim Lesen nicht auffällt, dass genau dieses Wort neuerdings zusammen oder getrennt geschrieben wird).

Hat der Korrektor seine Arbeit beendet, verschaffe ich mir durch Querlesen einen Eindruck vom Inhalt der Geschichte.

Meine ganz persönliche Einteilung dabei:

1. Erfahrungsberichte
2. Tiergeschichten
3. fiktive Geschichten

1. Unter Erfahrungsberichte fallen all jene Texte, die der jeweilige Autor eigentlich verfasst hat, um sich seine eigene Lebenssituation oder eine traumatisches Erfahrung von der Seele zu schreiben.

Für mich als Lektorin sind folgende Aspekte relevant:

- ist die im Text behandelte Problematik für den Leser von Interesse?

- ist die Problematik neu oder bereits in Texten unzähliger anderer Autoren behandelt worden?

- wenn die Problematik nicht neu ist, hat der Autor dann einen Stil gewählt, der sich deutlich von anderen Texten zum Thema unterscheidet?

Als Negativbeispiele möchte ich hier mal die immer wiederkehrende Geschichte der allein erziehenden Mutter dreier Kinder erwähnen, die sich heldenhaft mit den Tücken des Alltags herumschlägt.

Damit diese Geschichte für den Leser interessant ist, muss sie
a) über eine gehörige Portion Humor verfügen
b) sprachlich über jeden Zweifel erhaben sein und
c) mindestens eine Situation schildern, die so absurd ist, dass sie die wenigsten Leser selbst erlebt haben
d) einen Spannungsbogen besitzen, der mich bis zum Ende fesselt

Natürlich gibt es nicht nur lustige Erfahrungsberichte, sondern auch eine Vielzahl solcher, die tragische Erlebnisse/ Ereignisse behandeln.

Hier ist besondere Sensibilität gefragt. Als Lektor muss ich erspüren: Wieviel kann und darf ich dem Leser zumuten und ist der Text nicht im Grunde ausschließlich für den betreffenden Autor von Belang, weil er/sie damit eine Verarbeitung des Problems bezweckt? Zweck oder Selbstzweck - dies ist nicht immer eindeutig zu entscheiden.

2. Für Tiergeschichten gelten dieselben Kriterien. Geschichten über ein Tier, das der Durchschnittsleser im Allgemeinen nicht täglich vor Augen hat - Spinnen, Reptilien aller Art, Schimpansen, Delphine ... die Auswahl ist groß - haben einen Bonus, lassen sie doch auf eine gewisse Originalität hoffen.

Auch hier ein Negativbeispiel: Kater xy hält Einzug in sein neues Zuhause, verwüstet dieses nach allen Regeln der Katzenkunst, übernimmt die Herrschaft über seine menschlichen Mitbewohner, wird aber trotz all seiner Eigenheiten von seinem Besitzer über alles geliebt.

Sehr beliebt auch: Der Mensch aus der Sicht des jeweiligen Vierbeiners.

"Schon tausendmal gelesen", wird der Leser sagen ... wenn der Text nicht durch seine Sprache, seinen Stil oder einen ganz außergewöhnlichen Konflikt besticht.

3. fiktive Geschichten

Hier kommen zum Teil ganz andere Kriterien zum Tragen:

a) Plausibilität
b) innere Logik
c) Art des Konflikts und die Art seiner Auflösung
d) Spannungsbogen
e) Atmosphäre
f) sprachliche Gestaltung
g) Intention

Hier Negativbeispiele zu nennen, erscheint mir zu gewagt - vielleicht würde der eine oder andere Gast meines Blogs seine Geschichte wiedererkennen und das möchte ich Ihnen und mir ersparen.

Erscheint mir eine Geschichte rund, lesenswert und lektorierbar, geht meine Arbeit in die nächste Runde.
Lektorierbar?, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen. Kann man nicht jeden Text lektorieren?
Ja und nein, formal kann ein Lektor jeden Text in eine korrekte Form bringen ... aber: wenn das Lektorat darin besteht, jeden Satz neu zu formulieren und der Lektor zum Ghostwriter mutieren müsste, um aus dem Text eine lesbare und lesenswerte Geschichte zu machen, wird dieser - der Lektor, nicht der Ghostwriter - in aller Regel die Segel streichen und verstohlen das weiße Fähnchen für Kapitulation schwingen.

Nun also "auf zur nächsten Runde"

oder: Fortsetzung folgt

29.3.06 23:08, kommentieren

Kommentare

Ich bin passionierte Anhängerin des Word-Kommentarsystems. Vielen Autoren jedoch ist diese Funktion unbekannt und so erreichen mich hin und wieder verzweifelte Mails:

"Was haben die gelben Balken in meinem Text zu bedeuten?"

Die gelben Balken haben eine besondere Eigenschaft: Wenn der Cursor darüber gleitet, öffnet sich ein kleines Fenster, in dem der von mir eingegebene Kommentar erscheint. Je nach benutzter Programmversion lassen sich sämtliche Kommentare auch über die Funktion "Ansicht" unter dem eigentlichen Text einblenden.

Kommentare sind meist:


a) Formulierungshilfen
b) Anmerkungen (teilweise in Form provozierender Fragen)
c) Hinweise (z.B. auf Logikfehler etc.) oder Erläuterungen

Sie sind das Salz in der Suppe der schriftlichen Kommunikation zwischen Lektor und Autor. Auf diese Weise kann ich schnell und zielgerichtet erläutern, was ich mit einer bestimmten Änderung bezweckt, warum ich sie vorgeschlagen habe etc.

Autoren, die nicht über eine Word-Textverarbeitung verfügen, kann ich guten Gewissens das kostenlose, MS-kompatible Programmpaket Open Office empfehlen.

30.3.06 10:53, kommentieren

Bei Kurzgeschichten und Erzählungen bestehe ich nicht auf dem Standardformat, wenn mir Text zugeschickt werden. Im Gegenteil: Ich lese lieber Texte, die ganz normal formatiert sind. Warum? Das würde ich Ihnen gern erklären, wenn ich es könnte. Ich kann es nicht!

Dennoch hat die Standard-Manuskriptseite (im Folgenden SMS genannt) natürlich einen unschlagbaren Vorteil. Lektor, Redaktion und letztlich der Verlag können auf einen Blick abschätzen, wieviel Platz der jeweilige Text im Buch/ in einer Zeitschrift in Anspruch nehmen wird.

Bei längeren Texten wie Novellen oder Romanen erleichtert die SMS aufgrund der Zeilenangaben die Kommunikation zwischen Lektor und Autor.

Aber wie richte ich denn nun eine SMS in meinem Textverarbeitungsprogramm ein? Hier gilt: fragst du 5 Lektoren, bekommst du 5 verschiedene Antworten.

Daher möchte ich hier die Formatierung darstellen, die ich selbst für meine Manuskripte benutze.

Zunächst ganz allgemein: Eine SMS besteht aus 30 Zeilen und ca. 1800 Zeichen (incl. Leerzeichen).

Folgende Einstellungen habe ich in meinem Textverarbeitungsprogramm als Standard für SMS eingerichtet:

Datei --> Seite einrichten:





Format --> Zeichen:



Format --> Absatz



Einfügen --> Seitenzahlen



Einfügen --> Seitenzahlen --> Format

6 Kommentare 30.3.06 11:40, kommentieren

So soll es weitergehen

An dieser Stelle sollen folgende Themen behandelt werden:

- Hilfsverben

- aktive Verben

- Adverbien

- Passivkonstruktionen

- Partizipialkonstruktionen

- dass-Konstruktionen

Sie haben Themenwünsche, Fragen oder Anregungen? Dann nutzen Sie doch einfach die Kommentarfunktion des Blogs.

1 Kommentar 30.3.06 22:48, kommentieren